Bühnen-Premiere 1969 Jun03

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Bühnen-Premiere 1969

Kindergarten 1969

In diesem Interview gibt es ein Foto meines ersten Bühnen-Auftritts im  „Pfarrsaal“ meines Heimatortes in Bürgstadt am Main. Ich war noch im Kindergarten und eine eine Faschingsaufführung vor viel Publikum stand an. Wenn ich das Foto ansehe, rieche ich den Geruch dieses Saales wieder, leicht modrig, trockene Luft. Es war 1969. Ich sehe die Stuhlreihen im Publikumsraum. Die Stühle waren neu gekauft und hochmodern: hölzerne Sitzflächen, die raffiniert gebogen in die Lehne übergingen. Die ganze Gemeinde war stolz auf die neue Errungenschaft. Die Fenster  links ragten hoch bis an die Decke, licht und frisch geputzt. Ich stand auf der Bühne, mit meinen schwarzen Sonntagslackschuhen. Ausgeliefert: mir selbst, den Blicken der Zuschauer, (die ausnahmslos alle wohlwollend waren, doch das wußte ich leider nicht) und dieser großen, großen Freiheit, jetzt etwas gestalten, mitteilen und, ja, hinausrufen zu können. Schiss hatte ich, das weiß ich noch: dass ich mich mit meinem Text verhaspele und ich die Chance verpasse, einen unvergesslichen Auftritt hinzulegen. Schiss, gepaart mit der freudigen Aufregung, da oben zu stehen und gleich, ja gleich, die Stimme zu erheben, wenn ich dran bin. Ich hatte nur einige Sätze zu sagen. Irgendwas mit „… ihr müsset euch vor mir verneigen…“. Wie konnte ich sicher sein, dass sie auch verlässlich aus meinem Mund rauskommen? Wer gibt mir die Erfolgs-Garantie? Das Königinnenkleid roch nach der Holzkiste auf dem Dachboden. Letztes Jahr passte es mir noch nicht. Es kratzte leicht auf der Haut, vor allem an den Nähten, obwohl der Stoff seidig war. Ich hielt den Kopf kerzengerade, nicht nur, damit die Krone nicht verrutschte, sondern auch, damit ich den Text nicht vergaß. Vielleicht auch, damit man mich nicht übersehen konnte. Das Aufrecht-Stehen half: meine Worte kamen wie aus der Pistole geschossen zur richtigen Zeit. Sogar mit der richtigen Betonung. Bei dem Wort „verneigen“, machte ich selbst eine kleine Verbeugung, um zu demonstrieren, wie die Verneigung aussehen sollte. So hatten wir das einstudiert. Dann hörte ich das Klatschen vieler Hände. Glänzende Augen von Leuten, die ich zum Teil gar nicht kannte. Erwachsene, die sonst immer viel wichtiges zu tun hatten, die immer „schaffen“ mussten, beklatschten mich, – uns Kinder. Wie schön! CCE00000