„Bettelphase“ oder: Wenn der Haargel-Mann kommt Jun12

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„Bettelphase“ oder: Wenn der Haargel-Mann kommt

WanderfalkeEr gab keinen Laut von sich. Nur das Flügelschlagen macht beunruhigende Geräusche. Ein großer Vogel müht sich in der Innenstadt Würzburgs an den Steinstufen der Neubaukirche ab. Er flattert wild, versucht eine Stufe höher zu kommen – vergeblich. Ein großes Tier, denke ich. Wieso kann das nicht fliegen? Wieder ein Versuch, das Steinpodest zu erklimmen. Diesmal schafft er die dreissig Zentimeter fast, doch dann der Absturz. Der Vogel rennt den auf dem Asphalt entlang, Passanten weichen ihm aus. Er will auf die Betonmauer, flattert, rudert, schlottert. Ein Amselpärchen verfolgt ihn aus der Luft, laut kreischend, nimmt Anlauf im Flug und pickt nach ihm. Angst um die Jungen. Die Amseln attackieren den Vogel, schlagen ihre Schnäbel auf seinen Kopf ein. Da ist noch Flaum drauf. Der Vogel kann sich nicht wehren. Obwohl er im Normalfall aus hohem Flug Tauben, Mäuse, Amseln erbeutet. Ein Raubvogel. Ein Babyraubvogel. Ein Wanderfalke, der aus dem Nest im Kirchenturm gefallen ist. Ein Falkner wird angerufen Der sagt, er schafft es in zwanzig Minuten. Solange sitzt das Riesenbaby mit tellergroßen, die Lage aufmerksam inspizierenden Unschuldsaugen, gelben Füßen und aufregt bebender Falkenbrust auf dem Gehsteig. Umringt von sechs, sieben Passanten, die es vor den bösen Killer-Amseln beschützen.

Der Falkner  kommt, ein Mann wie aus dem Bilderbuch: Kettenraucher, Tätowierung, Heavy-Metal-Shirt, Tonnen von Haargel auf den langen, strähnigen Haaren (oder sind sie ungewaschen?), herzensgut, herzensecht, ein Tier-Mensch. Gekonnt wirft er ein altes Handtuch auf den Vogel, greift mit Lederhandschuh nach und schon liegt das gelbfüßige Riesenbaby in des Falkners Armen. Er ist in der „Bettelphase“, sagt der Mann. – Kenn ich, denke ich. Die umstehenden Passanten nicken. Sie kennen die Bettelphase auch: man will was und kriegt es nicht. Und hört nicht auf, was zu wollen und will es von anderen und die geben es einem partout nicht. Schlimm! – Im Normalfall, sagt der Mann, finden die Jungen auf Bäumen Halt. Dort werden sie von den Eltern so lange weitergefüttert, bis sie stark sind und selbst fliegen und jagen können. Aber hier in der Stadt gibt es kaum Bäume. Das ist schlecht. – Ich sehe mich im Halbkreis um. Frage mich, wer von den Umstehenden in seiner Bettelphase ausreichend gefüttert worden ist. Oder sind wir nicht alle wie das Gelbfuß-Baby zu früh aus dem Nest gefallen, oder zwar rechtzeitig, aber ohne einen Ast gefunden zu haben, auf dem uns die Großen hätten noch eine Weile weiterfüttern können… Manche sind auch zu Lebzeiten in der „Bettelphase“ hängen geblieben. Aber kein Falkner kam, wie der Haargel-Mann. Man sieht es in den Gesichtern! Dass der Haargel-Mann nicht kam.

Der Mann sagt, er habe gestern noch so ein Junges gefunden, ein Weibchen, die sind größer. Die zwei werden jetzt mit Küken und Tauben gefüttert und in zwei Wochen ausgewildert. – Ich hoffe, sie schaffen es da draußen, sagt der Mann und steckt das Riesenbaby in den Käfig auf dem Autorücksitz. Gleich geht`s auf große Fahrt ins Falken-Kinderheim! Wir winken dem Vogelretter hinterher und bleiben noch eine Gedächtnissekunde lang auf dem Gehsteig stehen. Wahrscheinlich denkt jeder von uns daran, dass wir uns selbst mal wieder gut füttern könnten. Damit wir es schaffen da „draußen“. Zwar nicht mit Küken, sinniere ich über mich selbst, sondern mit einem Stück Schwarzwälder-Kirschtorte im Café Michel.

Hier ein paar Fotos – vom Falken und seinem Weg in die große Welt!

Wanderfalken-Baby

Wanderfalken 2Falkenauswilderung 1Falkenauswilderung 2